Der Tag, an dem ich crucca genannt wurde

Es war letzte Woche, ich habe mich bereits wieder abgeregt. Aber ich war auf 180. Überrumpelt, überfahren.. so etwas passiert immer dann, wenn man es nicht erwartet…

Ich war also im Büro, am Arbeiten, ganz normal, alles wie immer. Dann kam eine Kollegin aus dem Büro in Mailand zu uns und wiederum eine andere Kollegin fragte die Büromanagerin, wer diese Kollegin sei. Daraufhin kam die Mailändern in unser Büro, das wir zwei Deutschen mit der italienischen Büromanagerin teilen und sie stellte uns folgendermaßen vor: „Das sind unsere zwei Krautköpfe“

Ich dachte erst, ich höre nicht recht und in den darauffolgenden Sekunden haben sich einige Szenarien in meinem Kopf abgespielt.

  • Soll ich sofort was sagen? Aber dazu war ich zu überrumpelt..leider
  • Soll ich ihr morgen eine Dose Sauerkraut auf den Tisch stellen
  • Soll ich zum Chef gehen und es ansprechen
  • Soll ich ab morgen jeden Tag ein anderes Klischee bedienen und erst mit Socken in den Sandalen kommen, dann im Dirndl und so weiter

 

Ich war sauer und beleidigt und wusste nichts mit diesen Gefühlen anzufangen. Vor allem, weil dieser Moment so unerwartet kam. Nie hätte ich im eigentlich professionellen Arbeitsumfeld so etwas erwartet. Ich wäre am liebsten aufgestanden und rausgestürmt. Ich sitze dieser Frau Tag für Tag acht Stunden gegenüber, ein Meter zwischen uns. Ich habe in diesem Moment jeglichen Respekt verloren, aber erstmal nichts gemacht. Später habe ich mich mit Freunden, der Kollegin, die es nicht gehört hat und Familie über diesen Zwischenfall unterhalten. Es gab verschiedene Meinungen darüber, was man denn unternehmen könnte. Ich muss ehrlich sagen, bisher habe ich nichts unternommen, weil mir in dem ganzen Stress hier die Kraft zur Klärung gefehlt hat. Habe mir aber vorgenommen, dass ich sie -wenn so etwas ähnliches jemals wieder vorkommt- direkt zur Rede stellen werde. Wer hat ähnliche Erfahrungen? Wie geht ihr mit solchen Situationen um? Bin gespannt!

Odyssee E 104

Schon ‚mal von jemandem gehört, dass die italienische Bürokratie ein wenig kompliziert ist? Oder davon, dass man nie dort, wo man denkt, dass man etwas bekommt, das bekommt, was man bekommen wollte / sollte? Es folgt die Geschichte einer archäologischen Ausgrabung…

Alles fing ganz harmlos an, mit der Forderung meiner deutschen Krankenversicherung, ihnen das Formular E 104 zukommen zu lassen, damit ich ordnungsgemäß vorweisen kann, in Italien zu wohnen, zu arbeiten und hier versichert zu sein.

Ich brach auf, die Jagd nach E 104 sollte beginnen:

Station 1: Google, Nachfragen im Geschäft und Gang zum ASUR 

Google sagte mir nichts zum Thema, was mich bereits stutzig machen können hätte, aber als „motivierte Archäologin“ lies ich mich davon keineswegs beirren und befragte meinen Chef, wo er denn E104 vermuten würde. Seine weise Antwort war: „Du musst einen Arzt auswählen und da kriegst du dann E104“. Anscheinend muss man hier einen „Familienarzt“ auswählen, der dann immer als Anlaufstelle gilt. Da ich nicht krank war und eigentlich nur an mein Formular kommen wollte, mich aber auch bereits wunderte, wo denn eigentlich meine Krankenkassenkarte blieb, entschloss ich mich für einen der beiden Wege der sich aufzeige, den Gang zum ASUR. (Der andere Weg wäre gewesen, in eine beliebige Arztpraxis zu schlendern, ihnen meine Ankunft mitzuteilen, sie zu meiner Familienarztpraxis zu küren und evtl. 3 h zu warten)

Station 2: ASUR Porto Sant‘ Elpidio

Mein Chef fragte gleichzeitig noch eine Beraterin in solchen Fragen um Hilfe, diese meinte wohl auch, mit dem Gang zum ASUR komm‘ ich schnell ans Formular. Wir schreiben den Frühsommer 2018. In der Mittagspause gehe ich voll motiviert bei 33 Grad im Schatten zum ASUR (das hatte ich hier bereits erwähnt) und spare es mir deswegen jetzt.

Station 3: ASUR Fermo

Die nette Dame, die keine Lust hatte, mit mir zu telefonieren wie auch bereits hier erwähnt, musste ich also persönlich aufsuchen. Ich opfere eine weitere Mittagspause um 40 Minuten Fahrt zum nächsten Amt hinter mich zu bringen um finalmente dieses Formular zu ergattern, das schon einen leicht bitteren Nachgeschmack bei mir bekommt, wenn ich nur daran denke. Die Dame die am Telefon so freundlich war, ist in Wirklichkeit eigentlich wirklich freundlich….. nachdem ich sie dann gefunden habe.. (hierzu könnte ich einen weiteren Artikel verfassen, erspare es euch aber lieber). Sie tippt meinen Namen in den Computer, um an dieses Formular zu kommen. Schaut mich an und sagt, ich existiere nicht. Danke auch!

Aus weiser Voraussicht und weil ich bisher keine Krankenkassenkarte bekommen habe, habe ich mal meinen Chef gefragt, ob er mich auch wirklich versichert hat, da habe ich mir schon verwirrte Blicke eingefangen à la „wir sind eine vertrauenswürdige Firma, ich bezahle jeden Monat Versicherungsbeiträge für dich“….. sei’s wies will. Die Dame sagte mir, ich sei hier weder existent, noch versichert, noch irgendwas und müsste erstmal zum Rathaus um mich anzumelden, dann würde ich wie selbstverständlich bei ihr im Computer aufpoppen, sie würde mir das Formular aushändigen und alle werden glücklich.

Sollte ich vielleicht lieber hier nach E 104 suchen?

Meine langsam leicht verzweifelnde, nicht existierende, Existenz stand vor ihr -gerade hatte ich realisiert, dass meine 80 Minuten Fahrt, die Suche nach ihr und der 30 minütige Aufenthalt in Ihrem Büro, bei dem eigentlich nur 10 Kopien von meinen verschiedenen Dokumenten angefertigt wurden,  mich E 104 keinen Schritt nähergebracht hatte- da sagte sie mir noch schnell aus Mitleid, dass ja jetzt demnächst August sei und alle im Urlaub sind, und sowieso alle Öffnungszeiten abgeschafft, oder zumindest geändert sind, und ich es doch einfach im September machen sollte. Ich verneinte energisch „denn meine Versicherung in Deutschland braucht das Formular ganz dringend“. HAHAHAH -guter Witz, sie wusste bereits, was ich noch nicht wusste…

Station 4: Comune / Rathaus#1

Ganz einfach, du gehst aufs Rathaus, sagt, du wohnst jetzt hier, wirst ins Register eingetragen und bekommst ’ne Kopie davon. Denkste? Nicht in Italien. Der erst grobe Strich, der durch diese Rechnung gemacht wurde #Wohnsitz ! ((((((An anderer Stelle berichte ich darüber wie es dazu kam, dass ich in 3 Monaten in 9 Wohnungen wohnte.))))) Wie meldet man also sein Domizil an, wenn man noch keine feste Wohnung hat? Aus Sicherheit frage ich mal nach, ob ich mich auch einfach ummelden kann, wenn ich umziehe -und es rollt ein Gewitter über mich- diese Option wird deshalb hier nicht weiter erläutert und sofort ausgeschlossen. Außerdem hat das Rathaus im August nur 2 Stunden in der Woche offen und ich noch keinen Mietvertrag. Aber eine Wohnung in Aussicht. Ich suche sorgfältig wie ich bin aber vorsichtshalber schon ‚mal auf der Homepage des Rathauses, was für Dokumente ich noch so mitbringen muss und begebe mich auf die intensive, zweite Suche, der, nach dem ultimativen Mietvertrag, der mir den Weg zu E 104 bahnt. An dieser Stelle muss ich nicht erwähnen, dass ich sowieso am Abkotzen war, weil ich voll gearbeitet habe, keine Wohnung hatte und mir immer E 104 im Nacken saß / Mittagspause am Meer war mein Rettungsanker 😉

Wo muss ich hin?

Station 5: Mietvertrag

Wer sich denkt ein Mietvertrag ist ein Vertrag, den man aufsetzt, unterschreibt, der gilt und gültig ist haha, der wird zumindest in Italien eines Besseren belehrt. Bis ich den gültigen Vertrag in den Händen hatte, vergingen 2 Wochen und 3 Ämter in 2 Orten. Man muss zu einer Immobilienagentur um Papiere zu holen, diese Ausfüllen, Marken kaufen (man weiss nicht genau, wofür diese sind, habe den Vermieter gefragt, aber sie kosten 16€) Dann muss man auf ein anderes Amt, das diese Papiere mit den Marken beglaubigt und auf noch ein anderes Amt wo man den Mieter anmelden muss, unter Vorlage der bekannten Papiere mit Marken drauf. Ich verweise jetzt nicht nochmal auf die Öffnungszeiten im August.. unnötig, nä!) Außerdem kostet die Anmeldung 200€ und der Vertrag ist nichtmal ein Vertrag der mir irgendwelche Rechte zusagt, das führt jetzt aber zu weit.. den eigentlich will ich ja nur schnellstens E 104 nach Deutschland schicken.

Briefmarke aufm Vertrag, wieso eigentlich nicht 😉 ?

Station 6Comune / Rathaus#2

Hochmotiviert (die Motivation habe ich nur ganz kurz stellenweise verloren) gehe ich am Samstag aufs Rathaus (ja, oh Wunder, es hat vormittags offen). Alle meine sorgfältig vorbereiteten Dokumente mit Marken, Stempel und Sonstnochwas dabei, betrete ich das Rathaus voller Überzeugung E104 näher zu kommen, nächste Woche wieder in Fermo vorstellig zu werden und dem Spuck ein Ende zu setzen. Ihr ahnt was kommt: Am Empfang frage ich wo ich hier ein Domizil anmelden kann und es fängt damit an, dass mir geantwortet wird, dass es das hier nicht gibt. Ich lasse mich natürlich nicht abwimmeln, sage dass ich mich anmelden muss, erspare der Dame den Rest der Geschichte und wir einigen uns auf die Anmeldung einer Residenz. Sie sagt mir wohin ich muss, wo ich meine Nummer ziehen kann und welches Formular ich schonmal ausfüllen soll. Aus Anstand habe ich kein Foto gemacht, aber die Plastikschieber die in jedem Büro der 90iger Jahre zu finden waren stehen aufgetürmt im Flur vor den einzelnen Büros und man kann sich bedienen. Natürlich hatte ich das falsche Formular genommen. Außerdem hat die wirklich wieder sehr nette Dame, die sich um die Anmeldung der Residenzen kümmert, mir Folgendes zu sagen: Die mitgebrachten Dokumente reichen nicht, Sie braucht noch 8 andere, Kopien davon macht auch nicht sie, sondern ich, im Copyshop, und außerdem hat sie nur geöffnet, wenn ich arbeiten muss, aber ich kann ja nächsten Samstag wieder kommen. Wie war das noch gleich „In der Ruhe liegt die Kraft“ ? Die neue Frage ist, ob die Jennifer es je zu E 104 schafft!

Das ist er. Der Punkt an dem wir uns befinden, wir schreiben Sonntag, den 2. September 2018, E 104 ist erneut in weite Ferne gerückt. Nachdem ich es nächste Woche hoffentlich schaffen werde, mit einer befriedigenden Anzahl an Dokumenten aufzutauchen, angemeldet zu werden, erneut nach Fermo zu fahren, dort hoffentlich einfach so im Computer aufploppen werde (HAHAH ernsthaft, glaubt irgendwer daran?!!?!?!) und das alles auch noch zu zufällig geöffneten Öffnungszeiten (Es handelt sich um nichts anderes als einen Zufall, ob man zufällig irgendwo an einer Türe einen handschriftlich gekritzelten Öffnungszeitenverschiebungszettel entdeckt, oder halt nicht) dann, werde ich feierlich E 104 nach Deutschland senden.

Sehr geehrtes KKH-Team, falls Sie es geschafft haben, bis hierher zu lesen, dann bitte seien Sie geduldig mit mir, ich habe alles in meiner Macht stehende getan, um schnellstmöglich an E 104 zu kommen, bisher war die Macht nicht mit mit! Ich melde mich! Natürlich schnellstmöglich, wie soll es anders sein…

Bildschirmfoto 2018-09-02 um 11.03.08

Noch ein paar Öffnungszeiten, weils so schön ist – man beachte, dass sie 2010 zuletzt aktualisiert wurden 😉

PS: Die nette Dame im ASUR Fermo fragte mich noch ob ich denn hier Arbeiten und wohnen möchte – ich sagte ihr, dass ich das bereits TUE!- und mir nicht erklären kann, wieso ich in ihrem Computer nicht erscheine.. wie dem auch sei, aus weiser Voraussicht habe ich schonmal gefragt, ob ich ihr das alles per E-Mail zusenden kann und sie mir dann das Formular schickt – natürlich ist das nicht möglich, weil ich höchst persönlich unterschreiben muss, also liegen mindestens nochmal 80 Minuten Fahrt vor mir und bestimmt tun sich auch noch einige Hindernisse auf. to be continued. Hiermit lade ich schonmal Freunde und Verwandte zur E 104 Party nach Italien ein. Erscheinet zahlreich!

Hier zur Entspannung noch ein paar Klischees: Bei Minute 2:48 gibt es den Inhalt dieses Beitrags im Videoformat verarbeitet.