Die Öffnungszeiten / Tagesstruktur

Wer schon einmal ins wirkliche Italien eingetaucht ist, fernab von Touristenorten, Großstädten und Supermärkten / Shoppingcentern, der hat eventuell schon einmal „gehungert“… mit den Öffnungszeiten ist es immer wieder spannend und hier in den Marken empfiehlt es sich, ein „Back-Up“ dabei zu haben, einen fahrbahren Untersatz in Reichweite zu haben oder eben gut zu planen. Ich hatte in einem früheren Beitrag schon einmal die verlängerte Mittagspause erwähnt. Jetzt erkläre ich das etwas genauer: In Städten (z. B. mit um die 20.000 Einwohnern) haben die größeren Supermärkte (Conrad, Lidl, Coop, Tuodì, Auchan und wie sie alle heissen) sowie die Shoppingcenter meistens durchgehend geöffnet – das heisst so circa von 9:00 – 21:00 Uhr OHNE MITTAGSPAUSE und auch SONNTAGS.

Die kleineren Tante-Emma-Läden und auch kleinere Supermärkte (alimentari), die sich in der Innenstadt oder in Innenstadtnähe befinden, machen allerdings meistens eine se(eeeee)hr lange Pause. Diese kann zum Beispiel von 13:00 – 17:00 Uhr andauern. Also wenn du einen Mittagssnack willst, dann musst du entweder vor 13:00 Uhr kommen, ein Auto haben, Vorrat dabei / zuhause haben oder im Restaurant essen. Aber auch hier ist Vorsicht geboten, denn die Restaurants machen ebenso Mittagspause, allerdings erst nach dem Mittagessen 😉 Wer um 13:00 Uhr ins Restaurant geht hat Glück, wer allerdings zwischen ungefähr 14:30 und 19:00 Uhr hunger bekommt, dem wird die kalte Schulter gezeigt! Auch wer vor 13:00 Uhr hunger hat, bekommt eher selten etwas .. Entweder man geht mit dem italienischen Flow, oder man kocht selber – haha!

Die Öffnungszeiten beziehen sich nicht nur auf Geschäfte mit Lebensmitteln auch Shops jeglicher Art machen Pause:

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Man kann also bevor man in die Marken kommt gerne seine deutsche Tagesstruktur ablegen, denn wie im Foto oben ersichtlich, läuft hier 18:00 – 20:30 Uhr unter Nachmittag (Pomeriggio) und 21:30 – 24:00 Uhr läuft unter Abend (Sera).. wenn ich mich hingegeben richtig erinnere, beginnt in Deutschland mancherorts der Abend um 18:00 Uhr und um 21:45 Uhr nach dem Fernsehprogramm geht langsam die Nacht los…

Was auch sehr verwirrend sein kann und mich immer wieder auf die Uhr schauen lässt, ist, dass man hier mancherorts nach der Mittagspause – also ab 15:00 Uhr – häufig mit Bonasera begrüßt wird.. ein „Guten Abend“ ab 15:00 Uhr kann man sich in Deutschland nur schwer vorstellen..

Wie immer führen viele Wege zum Ziel und ein bisschen Flexibilität hat noch keinem geschadet 🙂 wenn man sich mit den Gepflogenheiten vor Ort auseinandersetzt, dann lernt man mehr von der Kultur und hat ein ganzheitliches Erlebnis! Viel Spaß beim Schlemmen und Entdecken 🙂

Willkommen daheim #5

Wie bemerkst du, dass du „zu lange“ in Italien warst? – Wenn du auf ein Amt musst und in den Survival-Mode schaltest: Öffnungszeiten trippelchecken, Proviant mitnehmen, auf der Fahrt mehrere Strategien ausarbeiten, um an dein gewünschtes Dokument zu kommen, sofort beim Betreten des Amtes den „Nummer-Zieh-Automat“ ausfindig machen, Vitalzeichen der anderen Wartenden durch Sichtkontrolle checken…

6 Monate / 3. Advent / 185 Tage Meer

Ich habe in den letzten Monaten viel erzählt, von Schwierigkeiten, Landschaften, Essen, Städten, Bürokratie, Menschen, Palmen, Meer und Entdeckungstouren. Viel gearbeitet, mich viel gebräunt, viel Meeresluft geatmet und Erfahrungen gesammelt. Heute, am 3. Advent, bin ich sechs Monate hier und wenn ich eines sicher sagen kann, dann: ich bin am Anfang! Die Marken sind ein harter Brocken! Es braucht viel Muse, um hier in meinem kleinen Ort Menschen zu knacken und das Leben ist zu 100% anders als an den Orten, an denen ich bisher gewohnt habe. Es war eine Herausforderung bisher und es wird wohl auch noch eine Weile so bleiben. Dafür habe ich einiges gelernt: Es gibt so unglaublich viel zu entdecken! Im Sommer war ich nur draußen unterwegs, wenn ich nicht gerade auf Wohnungssuche war. Museen, Städte, Wein, Trüffel, die Bergregionen mit ihren Naturspektakeln… so viel habe ich noch nicht gesehen und probiert. Einiges habe ich schon probiert, wie einige wenige der vielen marchegianischen Exzellenzweine – außerdem habe ich unzählige Olive all’ascolana gemampft und immer wieder Neues entdeckt, wie Traditionsnachspeisen, Gemüse und Kräuter und vor allem Meeresfrüchte, von denen ich vorher nichts gehört hatte. Ich bin sehr dankbar, dass mich einige wenige Personen hier in ihr Herz gelassen haben und bin gespannt darauf, was im nächsten halben Jahr passiert. Zur Feier des Tages habe ich mir eine 45 minütige Bildershow über die Marken angeschaut, bei der ich noch einiges lernen konnte und mir schonmal Notizen für meine nächsten Erkundungstouren gemacht habe 🙂  (link unten)

Aber jetzt heißt es erstmal, schnell noch eine Woche arbeiten, nach München fliegen, „Großstadtleben“ aufsaugen, ins Schwabenländle fahren und Brezeln essen und dann zurück und auf in neue Abendteuer! Eine fröhliche Weihnachtszeit und einen Guten Rutsch und Gesundheit und felicità wünscht,

Jennifer 🙂

felicità = Glückseligkeit

Wer Lust auf Palmen hat an Weihnachten oder Langeweile und was vom Sofa aus entdecken will, außerdem ist auch die Stimme der Dame sehr besinnlich 😉

 

Ich nehme an, wenn die Dame sagt, dass die Marken ein unentdecktes Gebiet sind, dann meint sie von Touris unentdeckt, denn hier Leben viele Menschen, Tiere, Pflanzen usw. 😉

 

Was die Anderen nicht sehen / Potpourri

Der hier geht raus an alle, die folgendes, oder zumindest Ähnliches zu mir gesagt haben: „Toll, dass du das machst, ich bewundere dich dafür“, „Krass, ich könnte das nie“, „Ich würde nie alles zurücklassen“, „Ich wusste immer, dass du dorthin gehörst“

Nach fast vier Monaten schaffe ich es das erste Mal tief durchzuatmen. Dieser t i e f e Atemzug rüttelt mich ein wenig auf. Alles kommt ins Wanken, ich zum Nachdenken und eine kurze kleine Unsicherheit entsteht. Wenn nicht alles fest und sicher ist, du auf deiner Terrasse sitzt, in den Abendhimmel starrst und die Welt umarmen könntest, dir jedoch bewusst ist, dass du da grad alleine sitzt und diesen Moment nicht mit deinen Liebsten teilst, dann fragst du dich vielleicht schon mal kurz „Was zum Geier mach‘ ich hier eigentlich?!?!“

Nur, weil mir irgend’was teilweise ungreifbares in Italien besser gefällt, lasse ich Freunde und Familie zurück? Nur, weil öfter die Sonne scheint, der Wein irgendwie besser schmeckt und das Leben dolce ist? MMMMMH. Ist es denn so dolce?

Ja und Nein. Denn wenn du 30 Jahre an einem Ort gelebt hast, deine Cousins dort Nachwuchs bekommen, deine Freunde dort umziehen, deine Eltern dort schöne Sonntagsausflüge machen, deine Leute dort auch eine Pasta erfunden haben, die da Spätzle heisst und du dich 30 Jahre an ‚was gewöhnt hast, dann braucht es viel Kraft einfach mal ALLES ANDERS zu machen.

Ich denke jeder kennt das Gefühl, im eigenen Dorf schlaftrunken zu funktionieren ohne überlegen zu müssen, wo und was und wie man machen muss. Einfach, weil man es schon immer so macht. Deswegen ist es auch für jemanden, der blind wird, eindeutig einfacher, zuhause damit klar zu kommen, wo alles gewohnt ist, als an irgend einem anderen Ort.

Hier muss ich also vor jedem Schritt überlegen. Überall lauern Fallen. Kann ich die kleinen Tintenfische jetzt mit Pasta kombinieren oder gehe ich dann als Banause durch? Kann ich mir später was im Supermarkt kaufen oder ist dann die 5stündige Mittagspause? Wann hat nochmal das Amt offen? Wann muss ich mein Auto wegparken? Und wie ist nochmal mein Nachname? Richtig. Es kommen Herausforderungen auf einen zu, von denen man vorher nicht einmal geglaubt hat, dass sie existieren und dann sind sie einfach da. Alleine im letzten Monat wurde mein Nachname 4 Mal verschieden falsch geschrieben (like what?!?!?) aber es ist ja nur ein Nachname..

Während ich also jetzt, wenn ich in meinem gewohnten Umfeld wäre, mit den Mädels zum endlosen Sonntagsbrunch gehen würde, mit den Eltern auf die Alb, mit Tanja umziehen oder Paddys Baby kennenlernen würde… sitze ich hier und frage mich: Was zum Geier?! Aber sehen wir es mal so. Jeder Neuanfang ist holprig, Freundschaften zu knüpfen braucht Zeit, bis der Mensch das alte Gewohnheitstier sich umgewöhnt braucht halt auch einfach Zeit, und ob ich jetzt „Zähne putze“ wie das die Deutschen tun oder sie im italienischen Stil „wasche“ – am Ende sind sie sauber. Es ist also wie immer alles mal wieder nur Ansichtssache. Habe ich also vor einer halben Stunde 2 Tränchen verdrückt, weil mir alles ein bisschen zu viel war, merke ich, wie ich diese kleinen reinigenden Tränchen brauche, um zu reflektieren und zu wissen, dass alles gut ist.

Ich richte mich also auf, wische die Tränchen weg und öffne mein Fenster, ich höre die Wellen des Meeres und wundersam -wie immer- ist sofort alles ok. Auch wenn du mal denkst, dass du alleine bist, du bist es nicht!

An diesem Punkt möchte ich kurz etwas ansprechen, das ich für sehr wichtig halte. Im täglichen Strudel halten wir sowieso viel zu wenig inne, reflektieren zu wenig und ziehen zu schnell Schlüsse. Meistens begegnen wir ja anderen Personen und blenden ihre Geschichte aus. Ich möchte mit diesem Post ein wenig sensibilisieren und uns alle mal kurz anhalten lassen. Es gibt so viele wunderbare Ansichtsweisen und verschiedene Wege zum selben Ziel zu kommen. Nur weil wir einen Weg kennen, der richtig ist oder es zumindest zu sein scheint, heisst es nicht, dass es nicht noch tausend andere Wege gibt, die vielleicht einfacher, vielleicht schwieriger, aber auch zielführend sind. Wenn wir immer an dem was wir kennen festhalten, dann kommen wir durchs Leben, sind aber vielleicht engstirnig und wachsen nicht. Es ist okay, nicht jeder muss immer wachsen und manch einer ist vielleicht sogar gerne engstirnig, weil es nunmal einfach ist.

Detto questo. Wer meine kleine Reise ein wenig verfolgt hat, der hat mitbekommen, wie viele Stolpersteine sich mir in den Weg gestellt haben und wie viele „Abenteuer“ ich in den letzten Monaten erlebt habe. Das alles, obwohl ich mich nur ca. 1000km von meinem Geburtsort wegbewegt habe, die Sprache beherrsche und vor Ankunft schon einen Job vor Ort hatte. Außerdem, und das ist bestimmt der wichtigste Fakt, habe ich mich von einem sicheren Ort wegbewegt und zwar freiwillig.

Das Menschen wandern, genauso wie sich Gesteinsschichten bewegen, ist eine alte Geschichte.. die älteste.. doch wir vergessen das oft. Wir vergessen oft, dass Grenzen auf Papier gemalte Linien sind, an die wir glauben und das tun wir auch, weil wir innerhalb der Linien geboren sind, die uns ein schönes Leben schenken .. dass heisst aber nicht, dass wir die Augen zu verschlossen lassen sollten, denn dem einen geht es immer nur so gut, wie es allen anderen geht. Ja, uns geht es gut, weil es jemand anderem schlecht geht.

Wenn jemand seine Heimat zurück lässt, dann oft wegen Krieg, Bedrohung und anderen schrecklichen Sachen, wie nicht das Glück zu haben, sein zu dürfen was man ist oder zu sagen was man möchte. Viele Menschen verlassen ihre gewohnte Umgebung aus diesen schwerwiegenden Gründen und nehmen viel Veränderung auf sich, die viel Kraft kostet. Sie kommen sich alleine, verloren, und wie Kinder vor, weil alles was sie vorfinden neu ist. Dazu kommt, dass sie vielleicht traumarisiert sind, von der Reise oder von dem, was sie davor erlebt haben. Das letzte was sie brauchen ist Engstirnigkeit. Jemand der einen Ort verlässt tut das selten, weil er jemand anderem etwas wegnehmen möchte, man tut es, um Frieden zu finden. Frieden egal welcher Art!

Deshalb bitte ich darum, wenn mal wieder eine Debatte tobt, wie sie es so oft tut. Vor allem in der immer weiter rechtsrückenden europäischen Politik. Haltet inne, hinterfragt die Motive der Argumentierenden und bitte seid menschlich und denkt an die Geschichten der Menschen und seid euch eures eigenen Glückes öfter bewusst ❤

Predigt Ende.

An dieser Stelle, möchte ich denen, die tief in meinem Herzen sind, die wissen, dass ich sie nicht zurück gelassen habe, sondern dass ich unser gemeinsames Zuhause erweitert habe, danken. Ohne eure Unterstützung wäre ich nicht der Mensch, der ich bin und vermutlich auch nicht hier. Ich bin sehr dankbar, so tolle, bunte, großherzige Menschen in meinem Leben zu haben! Love to you.

Film Tipp: vielleicht habt ihr ja Lust den Film „Terraferma“ zu schauen. Schönen Restsonntag euch allen!

Song des Tages:

Ey Mann, wo ist mein Auto?!? Oder: A caccia della MAZDA

Diese Geschichte gehört in die Kategorie Stolpersteine oder in die Kategorie Comedy, die ich vielleicht so langsam eröffnen sollte. Als ich hier mit dem Auto ankam und zum ersten Mal geparkt habe, hat mich Emanuele am Arm gepackt, zu zwei Schildern gezogen und mir sehr freundlich und sehr bestimmt gesagt: „ricordati, du musst immer auf das Schild am Anfang der Straße schauen“, denn in meinem kleinen Ort wird jede Nacht eine andere Straße sauber gemacht, dazu müssen die Autos weg und Dienstags ist auch Markt, da müssen sie weg, damit aufgebaut werden kann…

Immer wenn ich parke, schaue ich also auf das Schild am Anfang der Straße und mache mir eine geistige Notiz, wie lange ich da stehen kann, bis ich umparken muss. Ja, ich weiss, ihr ahnt es schon…

Ich habe ein wunderschönes Wochenende in der Toscana verbracht, mit meinen Liebsten, bin Sonntag abends erschöpft und müde zuhause angekommen, musste noch einiges organisieren, am Montag arbeiten und umziehen. Sonntags war ich froh, einen Parkplatz direkt hinterm Haus gefunden zu haben.. in dem Teil der Straße, wo man keine Strafe fürs Längerparken bekommt.. Dann bin ich schlafen, arbeiten, schlafen, arbeiten gegangen und am Dienstag komme ich nach der Mittagspause vom Meer zurück, sehe dass sie gerade den Markt abbauen und mir fällt etwas wichtiges ein. ÄÄÄÄÄÄÄHHHMMMMMM, scheißßßße, ich habe hinterm Haus geparkt. Offensichtlich steht da jetzt ein Marktstand und ich frage mich: „Ey Mann, wo ist mein Auto?!?“ Diese Frage muss ich jedoch zurückstellen, weil meine Mittagspause zu Ende ist. Nach der Arbeit spaziere ich also mehr oder weniger besorgt zur örtlichen Polizeistation, um nachzufragen, ob sie denn Hinweise auf den Verbleib meines Auto haben.. Netterweise rufen sie den örtlichen Abschleppdienst an, in dessen Werkstatt sie den Mazda ausfindig machen. 3 Polizeibeamte kümmern sich abwechselnd um mich, machen zahlreiche Kopien meines Ausweises, fragen wo ich herkomme, was ich hier mache, ob ich alleine bin, Ferien mache usw. natürlich bekomme ich auch umgehend meinen nächsten Strafzettel -mit den obligatorischen 28,70€- ausgestellt und da ich alleine und zu Fuß auf der Polizeistation angetanzt bin, eine kostenlose Fahrt in Begleitung im Polizeiauto zum Abschleppdienst! 🙂

Hätte ich das also auch erledigt, einmal Polizeiauto fahren ✅

Schön – Die Marken aus dem Polizeiauto

Auf der Fahrt habe ich natürlich mit den Polizisten gequatscht und mir auch kurz überlegt, sie nach einem Selfie zu fragen, das war dann aber doch zu heikel weil: #Pistolen. Auf jeden Fall haben wir uns gut unterhalten, der Polizist meinte nur, dass es hoffentlich das letzte Mal ist, dass ich Polizeiauto fahre, als ich ganz aufgeregt sagte „Ich bin noch nie Polizeiauto gefahren“ – die Polizistin entgegnete nur genervt, dass sie normalerweise auch keine solche Nettigkeitsfahrten im Programm haben.

Danke für den Bringdienst!

Eccola

Kopie hiervon, Kopie davon, auf jeden Fall bin ich stadtbekannt

Ich habe meine Familie und Freunde bereits darauf hingewiesen mich Montag abends freundlich ans umparken zu erinnern, außerdem habe ich einen Parkwecker eingerichtet und einen Straßenabschnitt gefunden, an dem man niemals abgeschleppt wird. 85€ für eine Abenteuerfahrt im Polizeiauto (also eigentlich fürs Abschleppen) sind ein bisschen überteuert aber #manlebtnureinmal

Odyssee E 104

Schon ‚mal von jemandem gehört, dass die italienische Bürokratie ein wenig kompliziert ist? Oder davon, dass man nie dort, wo man denkt, dass man etwas bekommt, das bekommt, was man bekommen wollte / sollte? Es folgt die Geschichte einer archäologischen Ausgrabung…

Alles fing ganz harmlos an, mit der Forderung meiner deutschen Krankenversicherung, ihnen das Formular E 104 zukommen zu lassen, damit ich ordnungsgemäß vorweisen kann, in Italien zu wohnen, zu arbeiten und hier versichert zu sein.

Ich brach auf, die Jagd nach E 104 sollte beginnen:

Station 1: Google, Nachfragen im Geschäft und Gang zum ASUR 

Google sagte mir nichts zum Thema, was mich bereits stutzig machen können hätte, aber als „motivierte Archäologin“ lies ich mich davon keineswegs beirren und befragte meinen Chef, wo er denn E104 vermuten würde. Seine weise Antwort war: „Du musst einen Arzt auswählen und da kriegst du dann E104“. Anscheinend muss man hier einen „Familienarzt“ auswählen, der dann immer als Anlaufstelle gilt. Da ich nicht krank war und eigentlich nur an mein Formular kommen wollte, mich aber auch bereits wunderte, wo denn eigentlich meine Krankenkassenkarte blieb, entschloss ich mich für einen der beiden Wege der sich aufzeige, den Gang zum ASUR. (Der andere Weg wäre gewesen, in eine beliebige Arztpraxis zu schlendern, ihnen meine Ankunft mitzuteilen, sie zu meiner Familienarztpraxis zu küren und evtl. 3 h zu warten)

Station 2: ASUR Porto Sant‘ Elpidio

Mein Chef fragte gleichzeitig noch eine Beraterin in solchen Fragen um Hilfe, diese meinte wohl auch, mit dem Gang zum ASUR komm‘ ich schnell ans Formular. Wir schreiben den Frühsommer 2018. In der Mittagspause gehe ich voll motiviert bei 33 Grad im Schatten zum ASUR (das hatte ich hier bereits erwähnt) und spare es mir deswegen jetzt.

Station 3: ASUR Fermo

Die nette Dame, die keine Lust hatte, mit mir zu telefonieren wie auch bereits hier erwähnt, musste ich also persönlich aufsuchen. Ich opfere eine weitere Mittagspause um 40 Minuten Fahrt zum nächsten Amt hinter mich zu bringen um finalmente dieses Formular zu ergattern, das schon einen leicht bitteren Nachgeschmack bei mir bekommt, wenn ich nur daran denke. Die Dame die am Telefon so freundlich war, ist in Wirklichkeit eigentlich wirklich freundlich….. nachdem ich sie dann gefunden habe.. (hierzu könnte ich einen weiteren Artikel verfassen, erspare es euch aber lieber). Sie tippt meinen Namen in den Computer, um an dieses Formular zu kommen. Schaut mich an und sagt, ich existiere nicht. Danke auch!

Aus weiser Voraussicht und weil ich bisher keine Krankenkassenkarte bekommen habe, habe ich mal meinen Chef gefragt, ob er mich auch wirklich versichert hat, da habe ich mir schon verwirrte Blicke eingefangen à la „wir sind eine vertrauenswürdige Firma, ich bezahle jeden Monat Versicherungsbeiträge für dich“….. sei’s wies will. Die Dame sagte mir, ich sei hier weder existent, noch versichert, noch irgendwas und müsste erstmal zum Rathaus um mich anzumelden, dann würde ich wie selbstverständlich bei ihr im Computer aufpoppen, sie würde mir das Formular aushändigen und alle werden glücklich.

Sollte ich vielleicht lieber hier nach E 104 suchen?

Meine langsam leicht verzweifelnde, nicht existierende, Existenz stand vor ihr -gerade hatte ich realisiert, dass meine 80 Minuten Fahrt, die Suche nach ihr und der 30 minütige Aufenthalt in Ihrem Büro, bei dem eigentlich nur 10 Kopien von meinen verschiedenen Dokumenten angefertigt wurden,  mich E 104 keinen Schritt nähergebracht hatte- da sagte sie mir noch schnell aus Mitleid, dass ja jetzt demnächst August sei und alle im Urlaub sind, und sowieso alle Öffnungszeiten abgeschafft, oder zumindest geändert sind, und ich es doch einfach im September machen sollte. Ich verneinte energisch „denn meine Versicherung in Deutschland braucht das Formular ganz dringend“. HAHAHAH -guter Witz, sie wusste bereits, was ich noch nicht wusste…

Station 4: Comune / Rathaus#1

Ganz einfach, du gehst aufs Rathaus, sagt, du wohnst jetzt hier, wirst ins Register eingetragen und bekommst ’ne Kopie davon. Denkste? Nicht in Italien. Der erst grobe Strich, der durch diese Rechnung gemacht wurde #Wohnsitz ! ((((((An anderer Stelle berichte ich darüber wie es dazu kam, dass ich in 3 Monaten in 9 Wohnungen wohnte.))))) Wie meldet man also sein Domizil an, wenn man noch keine feste Wohnung hat? Aus Sicherheit frage ich mal nach, ob ich mich auch einfach ummelden kann, wenn ich umziehe -und es rollt ein Gewitter über mich- diese Option wird deshalb hier nicht weiter erläutert und sofort ausgeschlossen. Außerdem hat das Rathaus im August nur 2 Stunden in der Woche offen und ich noch keinen Mietvertrag. Aber eine Wohnung in Aussicht. Ich suche sorgfältig wie ich bin aber vorsichtshalber schon ‚mal auf der Homepage des Rathauses, was für Dokumente ich noch so mitbringen muss und begebe mich auf die intensive, zweite Suche, der, nach dem ultimativen Mietvertrag, der mir den Weg zu E 104 bahnt. An dieser Stelle muss ich nicht erwähnen, dass ich sowieso am Abkotzen war, weil ich voll gearbeitet habe, keine Wohnung hatte und mir immer E 104 im Nacken saß / Mittagspause am Meer war mein Rettungsanker 😉

Wo muss ich hin?

Station 5: Mietvertrag

Wer sich denkt ein Mietvertrag ist ein Vertrag, den man aufsetzt, unterschreibt, der gilt und gültig ist haha, der wird zumindest in Italien eines Besseren belehrt. Bis ich den gültigen Vertrag in den Händen hatte, vergingen 2 Wochen und 3 Ämter in 2 Orten. Man muss zu einer Immobilienagentur um Papiere zu holen, diese Ausfüllen, Marken kaufen (man weiss nicht genau, wofür diese sind, habe den Vermieter gefragt, aber sie kosten 16€) Dann muss man auf ein anderes Amt, das diese Papiere mit den Marken beglaubigt und auf noch ein anderes Amt wo man den Mieter anmelden muss, unter Vorlage der bekannten Papiere mit Marken drauf. Ich verweise jetzt nicht nochmal auf die Öffnungszeiten im August.. unnötig, nä!) Außerdem kostet die Anmeldung 200€ und der Vertrag ist nichtmal ein Vertrag der mir irgendwelche Rechte zusagt, das führt jetzt aber zu weit.. den eigentlich will ich ja nur schnellstens E 104 nach Deutschland schicken.

Briefmarke aufm Vertrag, wieso eigentlich nicht 😉 ?

Station 6Comune / Rathaus#2

Hochmotiviert (die Motivation habe ich nur ganz kurz stellenweise verloren) gehe ich am Samstag aufs Rathaus (ja, oh Wunder, es hat vormittags offen). Alle meine sorgfältig vorbereiteten Dokumente mit Marken, Stempel und Sonstnochwas dabei, betrete ich das Rathaus voller Überzeugung E104 näher zu kommen, nächste Woche wieder in Fermo vorstellig zu werden und dem Spuck ein Ende zu setzen. Ihr ahnt was kommt: Am Empfang frage ich wo ich hier ein Domizil anmelden kann und es fängt damit an, dass mir geantwortet wird, dass es das hier nicht gibt. Ich lasse mich natürlich nicht abwimmeln, sage dass ich mich anmelden muss, erspare der Dame den Rest der Geschichte und wir einigen uns auf die Anmeldung einer Residenz. Sie sagt mir wohin ich muss, wo ich meine Nummer ziehen kann und welches Formular ich schonmal ausfüllen soll. Aus Anstand habe ich kein Foto gemacht, aber die Plastikschieber die in jedem Büro der 90iger Jahre zu finden waren stehen aufgetürmt im Flur vor den einzelnen Büros und man kann sich bedienen. Natürlich hatte ich das falsche Formular genommen. Außerdem hat die wirklich wieder sehr nette Dame, die sich um die Anmeldung der Residenzen kümmert, mir Folgendes zu sagen: Die mitgebrachten Dokumente reichen nicht, Sie braucht noch 8 andere, Kopien davon macht auch nicht sie, sondern ich, im Copyshop, und außerdem hat sie nur geöffnet, wenn ich arbeiten muss, aber ich kann ja nächsten Samstag wieder kommen. Wie war das noch gleich „In der Ruhe liegt die Kraft“ ? Die neue Frage ist, ob die Jennifer es je zu E 104 schafft!

Das ist er. Der Punkt an dem wir uns befinden, wir schreiben Sonntag, den 2. September 2018, E 104 ist erneut in weite Ferne gerückt. Nachdem ich es nächste Woche hoffentlich schaffen werde, mit einer befriedigenden Anzahl an Dokumenten aufzutauchen, angemeldet zu werden, erneut nach Fermo zu fahren, dort hoffentlich einfach so im Computer aufploppen werde (HAHAH ernsthaft, glaubt irgendwer daran?!!?!?!) und das alles auch noch zu zufällig geöffneten Öffnungszeiten (Es handelt sich um nichts anderes als einen Zufall, ob man zufällig irgendwo an einer Türe einen handschriftlich gekritzelten Öffnungszeitenverschiebungszettel entdeckt, oder halt nicht) dann, werde ich feierlich E 104 nach Deutschland senden.

Sehr geehrtes KKH-Team, falls Sie es geschafft haben, bis hierher zu lesen, dann bitte seien Sie geduldig mit mir, ich habe alles in meiner Macht stehende getan, um schnellstmöglich an E 104 zu kommen, bisher war die Macht nicht mit mit! Ich melde mich! Natürlich schnellstmöglich, wie soll es anders sein…

Bildschirmfoto 2018-09-02 um 11.03.08

Noch ein paar Öffnungszeiten, weils so schön ist – man beachte, dass sie 2010 zuletzt aktualisiert wurden 😉

PS: Die nette Dame im ASUR Fermo fragte mich noch ob ich denn hier Arbeiten und wohnen möchte – ich sagte ihr, dass ich das bereits TUE!- und mir nicht erklären kann, wieso ich in ihrem Computer nicht erscheine.. wie dem auch sei, aus weiser Voraussicht habe ich schonmal gefragt, ob ich ihr das alles per E-Mail zusenden kann und sie mir dann das Formular schickt – natürlich ist das nicht möglich, weil ich höchst persönlich unterschreiben muss, also liegen mindestens nochmal 80 Minuten Fahrt vor mir und bestimmt tun sich auch noch einige Hindernisse auf. to be continued. Hiermit lade ich schonmal Freunde und Verwandte zur E 104 Party nach Italien ein. Erscheinet zahlreich!

Hier zur Entspannung noch ein paar Klischees: Bei Minute 2:48 gibt es den Inhalt dieses Beitrags im Videoformat verarbeitet.