Was die Anderen nicht sehen / Potpourri

Der hier geht raus an alle, die folgendes, oder zumindest Ähnliches zu mir gesagt haben: „Toll, dass du das machst, ich bewundere dich dafür“, „Krass, ich könnte das nie“, „Ich würde nie alles zurücklassen“, „Ich wusste immer, dass du dorthin gehörst“

Nach fast vier Monaten schaffe ich es das erste Mal tief durchzuatmen. Dieser t i e f e Atemzug rüttelt mich ein wenig auf. Alles kommt ins Wanken, ich zum Nachdenken und eine kurze kleine Unsicherheit entsteht. Wenn nicht alles fest und sicher ist, du auf deiner Terrasse sitzt, in den Abendhimmel starrst und die Welt umarmen könntest, dir jedoch bewusst ist, dass du da grad alleine sitzt und diesen Moment nicht mit deinen Liebsten teilst, dann fragst du dich vielleicht schon mal kurz „Was zum Geier mach‘ ich hier eigentlich?!?!“

Nur, weil mir irgend’was teilweise ungreifbares in Italien besser gefällt, lasse ich Freunde und Familie zurück? Nur, weil öfter die Sonne scheint, der Wein irgendwie besser schmeckt und das Leben dolce ist? MMMMMH. Ist es denn so dolce?

Ja und Nein. Denn wenn du 30 Jahre an einem Ort gelebt hast, deine Cousins dort Nachwuchs bekommen, deine Freunde dort umziehen, deine Eltern dort schöne Sonntagsausflüge machen, deine Leute dort auch eine Pasta erfunden haben, die da Spätzle heisst und du dich 30 Jahre an ‚was gewöhnt hast, dann braucht es viel Kraft einfach mal ALLES ANDERS zu machen.

Ich denke jeder kennt das Gefühl, im eigenen Dorf schlaftrunken zu funktionieren ohne überlegen zu müssen, wo und was und wie man machen muss. Einfach, weil man es schon immer so macht. Deswegen ist es auch für jemanden, der blind wird, eindeutig einfacher, zuhause damit klar zu kommen, wo alles gewohnt ist, als an irgend einem anderen Ort.

Hier muss ich also vor jedem Schritt überlegen. Überall lauern Fallen. Kann ich die kleinen Tintenfische jetzt mit Pasta kombinieren oder gehe ich dann als Banause durch? Kann ich mir später was im Supermarkt kaufen oder ist dann die 5stündige Mittagspause? Wann hat nochmal das Amt offen? Wann muss ich mein Auto wegparken? Und wie ist nochmal mein Nachname? Richtig. Es kommen Herausforderungen auf einen zu, von denen man vorher nicht einmal geglaubt hat, dass sie existieren und dann sind sie einfach da. Alleine im letzten Monat wurde mein Nachname 4 Mal verschieden falsch geschrieben (like what?!?!?) aber es ist ja nur ein Nachname..

Während ich also jetzt, wenn ich in meinem gewohnten Umfeld wäre, mit den Mädels zum endlosen Sonntagsbrunch gehen würde, mit den Eltern auf die Alb, mit Tanja umziehen oder Paddys Baby kennenlernen würde… sitze ich hier und frage mich: Was zum Geier?! Aber sehen wir es mal so. Jeder Neuanfang ist holprig, Freundschaften zu knüpfen braucht Zeit, bis der Mensch das alte Gewohnheitstier sich umgewöhnt braucht halt auch einfach Zeit, und ob ich jetzt „Zähne putze“ wie das die Deutschen tun oder sie im italienischen Stil „wasche“ – am Ende sind sie sauber. Es ist also wie immer alles mal wieder nur Ansichtssache. Habe ich also vor einer halben Stunde 2 Tränchen verdrückt, weil mir alles ein bisschen zu viel war, merke ich, wie ich diese kleinen reinigenden Tränchen brauche, um zu reflektieren und zu wissen, dass alles gut ist.

Ich richte mich also auf, wische die Tränchen weg und öffne mein Fenster, ich höre die Wellen des Meeres und wundersam -wie immer- ist sofort alles ok. Auch wenn du mal denkst, dass du alleine bist, du bist es nicht!

An diesem Punkt möchte ich kurz etwas ansprechen, das ich für sehr wichtig halte. Im täglichen Strudel halten wir sowieso viel zu wenig inne, reflektieren zu wenig und ziehen zu schnell Schlüsse. Meistens begegnen wir ja anderen Personen und blenden ihre Geschichte aus. Ich möchte mit diesem Post ein wenig sensibilisieren und uns alle mal kurz anhalten lassen. Es gibt so viele wunderbare Ansichtsweisen und verschiedene Wege zum selben Ziel zu kommen. Nur weil wir einen Weg kennen, der richtig ist oder es zumindest zu sein scheint, heisst es nicht, dass es nicht noch tausend andere Wege gibt, die vielleicht einfacher, vielleicht schwieriger, aber auch zielführend sind. Wenn wir immer an dem was wir kennen festhalten, dann kommen wir durchs Leben, sind aber vielleicht engstirnig und wachsen nicht. Es ist okay, nicht jeder muss immer wachsen und manch einer ist vielleicht sogar gerne engstirnig, weil es nunmal einfach ist.

Detto questo. Wer meine kleine Reise ein wenig verfolgt hat, der hat mitbekommen, wie viele Stolpersteine sich mir in den Weg gestellt haben und wie viele „Abenteuer“ ich in den letzten Monaten erlebt habe. Das alles, obwohl ich mich nur ca. 1000km von meinem Geburtsort wegbewegt habe, die Sprache beherrsche und vor Ankunft schon einen Job vor Ort hatte. Außerdem, und das ist bestimmt der wichtigste Fakt, habe ich mich von einem sicheren Ort wegbewegt und zwar freiwillig.

Das Menschen wandern, genauso wie sich Gesteinsschichten bewegen, ist eine alte Geschichte.. die älteste.. doch wir vergessen das oft. Wir vergessen oft, dass Grenzen auf Papier gemalte Linien sind, an die wir glauben und das tun wir auch, weil wir innerhalb der Linien geboren sind, die uns ein schönes Leben schenken .. dass heisst aber nicht, dass wir die Augen zu verschlossen lassen sollten, denn dem einen geht es immer nur so gut, wie es allen anderen geht. Ja, uns geht es gut, weil es jemand anderem schlecht geht.

Wenn jemand seine Heimat zurück lässt, dann oft wegen Krieg, Bedrohung und anderen schrecklichen Sachen, wie nicht das Glück zu haben, sein zu dürfen was man ist oder zu sagen was man möchte. Viele Menschen verlassen ihre gewohnte Umgebung aus diesen schwerwiegenden Gründen und nehmen viel Veränderung auf sich, die viel Kraft kostet. Sie kommen sich alleine, verloren, und wie Kinder vor, weil alles was sie vorfinden neu ist. Dazu kommt, dass sie vielleicht traumarisiert sind, von der Reise oder von dem, was sie davor erlebt haben. Das letzte was sie brauchen ist Engstirnigkeit. Jemand der einen Ort verlässt tut das selten, weil er jemand anderem etwas wegnehmen möchte, man tut es, um Frieden zu finden. Frieden egal welcher Art!

Deshalb bitte ich darum, wenn mal wieder eine Debatte tobt, wie sie es so oft tut. Vor allem in der immer weiter rechtsrückenden europäischen Politik. Haltet inne, hinterfragt die Motive der Argumentierenden und bitte seid menschlich und denkt an die Geschichten der Menschen und seid euch eures eigenen Glückes öfter bewusst ❤

Predigt Ende.

An dieser Stelle, möchte ich denen, die tief in meinem Herzen sind, die wissen, dass ich sie nicht zurück gelassen habe, sondern dass ich unser gemeinsames Zuhause erweitert habe, danken. Ohne eure Unterstützung wäre ich nicht der Mensch, der ich bin und vermutlich auch nicht hier. Ich bin sehr dankbar, so tolle, bunte, großherzige Menschen in meinem Leben zu haben! Love to you.

Film Tipp: vielleicht habt ihr ja Lust den Film „Terraferma“ zu schauen. Schönen Restsonntag euch allen!

Song des Tages:

Auszug aus dem ‚Facebook‘ – Tagebuch vom 28.10.2012

Ok! ich liege mittlerweile lachend auf meinem Sofa. Venedig ist die unglaublichste Stadt der Welt… um Vier bin ich aufgewacht, weil der Wind ans Haus peitschte wie verrückt, eine Stunde hab‘ ich gedacht, er wird schon aufhören und mir nur gedacht „Wind; in dieser Stadt ist genug Wasser, bring bitte nicht noch mehr und lass mich schlafen, danke, gut Nacht“.. nach 2 Stunden habe ich in die Küche gewechselt, in der Hoffnung, dass ich schlafen kann und Wärmflasche und Kakao gemacht und ’ne komplette Zeitung gelesen… gerade als ich auf dem Sofa eingenickt war, nach 3 Stunden, werde ich aus meinem Dämmerschlaf von der Kriegssirene geweckt, die hier benutzt wird um Hochwasser anzukündigen… gefolgt von einer Art Panflöte, die anzeigt, wie hoch das Wasser kommen wird. Nachdem ich schon lachend dieser Flöte lauschte, dämmerte es langsam und ich bin wieder eingenickt….um dann von der SMS geweckt zu werden, die mir dann nochmal die genaue Uhrzeit und Höhe des Wassers mitteilt….. mittlerweile glaube ich nicht mehr an Schlaf…. facebook=Hochwassergefährte

 

In Venedig kommt es oft zu Hochwasser aqua alta, teilweise wird fast die komplette Stadt überflutet, so war das auch 2012 als es mal wieder ein Rekordhochwasser (160cm) gab. Für uns Studenten, die das noch nicht kannten, war es zuerst super aufregend. Aber schon nach ein paar Tagen, in denen wir Wind und Wetter trotzten, mit den Gummistiefeln zur Uni gingen und dort zu normalem Schuhwerk wechselten, hatten auch wir die Nase voll. Es folgen einige Eindrücke: